"Ganz egal ob im Beruf oder Privat - Manieren bestimmen das Leben "
Stephan

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Azubis wissen, was gutes Benehmen ist - Knigge sei Dank!

Der Essener Unternehmerverband brachte unseren Azubis hier im Haus am vergangenen Donnerstag Benehmen bei - im Rahmen eines Knigge-Kurses für Anfänger.

Zu Beginn des Seminars, geleitet von Kommunikationstrainerin Inka Greve, können die jungen Leute noch über solche Fragen grübeln. Sie hocken tief über den Tisch gebeugt, spicken unsicher auf den Zettel des Nachbarn und spielen mit ihren Kugelschreibern. "Bitte ankreuzen!" Im wirklichen Leben aber sind an solchen Fragen schon Karrieren gescheitert. Und manche schon, bevor sie angefangen haben. Das möchte der Essener Unternehmensverband (EUV) vermeiden und hat vor diesem Hintergrund den Kurs "Fit für die Ausbildung" eingeführt. Unschuldig steht der Titel da, doch darunter: "Umgangsformen, Begrüßungsregeln, Tischsitten." Sie bringen den Azubis Benehmen bei! Nicht, dass sie sich nicht benehmen könnten. Allerdings hört man Betriebe ja stets lauter klagen: dass viele daheim nicht mehr lernen, was sich gehört. Oder in der Schule: Von "mangelhaft vorbereiteten Schulabgängern" erzählen sie EUV-Geschäftsführer Ulrich Kanders und von "fehlender Ausbildungsfähigkeit". Und Kanders findet, zu einer erfolgreichen Lehre gehöre, dass die jungen Leute sich auch persönlich und sozial weiterentwickeln.

Auf keinen Fall jemals auf jemanden zeigen! Deshalb steht an diesem Morgen im Seminarraum des Sutter Telefonbuchverlags eine Frau, die ihren Knigge kennt: "Höflichkeit ist wie die Luft im Reifen, kostet nichts und hält die Stöße ab", sagt Inke Greve. Am wichtigsten sei den Deutschen das "Ausreden-Lassen", schon auf Platz 3 folge die Pünktlichkeit. Unhöflichkeit stehe auf der Negativliste ganz oben, und: "Auf gar keinen Fall dürfen Sie JEMALS auf jemanden zeigen." Man kann hören, dass sie "jemals" in Großbuchstaben spricht.

Zum Warm-Werden hat sie gespielt mit den angehenden Kaufleuten und Mediengestaltern: Hund, Katze, Ratte - "Psychoklamauk", sagt Inke Greve. So sortieren Experten, wie der Azubi tickt: Wie der Hund, so er, wie die Katze, so sein Partner; eine Kuh steht für Karriere, das Schwein für Geld. Schwein sein ist schön? Jule Schwarz hat die Katze "hinterlistig" genannt, das ist ihr jetzt peinlich. "Selbsterkenntnis", sagt Inke Greve. Sie könnte noch oft so spotten an diesem Tag: Denn unter Knigges gestrengen Gesetzen scheitern selbst solche, die sich bis dato für gut erzogen hielten. Doktortitel vor Adelstitel, der Herr grüßt die Dame noch immer, aber sie muss die Hand ausstrecken. Aufstehen, Jacke zu, stets Smalltalk halten, aber das Du im Arbeitsalltag vermeiden. Hier geht es um Hierarchien! Immer und überall. Deshalb traut sich der Personalreferent im Kurs, bei der Frage nach den richtigen Socken das dunkel bestrumpfte Bein zu heben - aber ach: "Man darf niemals nackte Haut unter der Hose sehen", mahnt Frau Greve und schüttelt mit freundlicher Missbilligung den Kopf. An was man aber auch alles denken muss! "Wenig Schmuck ist besser als keiner", das Parfum nicht zu penetrant, Haare wie Schuhe niemals offen. Und: Piercings raus! Fordern auch die jungen Damen der Arbeitsgruppe "Angemessenes Auftreten" und tun tapfer, als hätten nicht gleich zwei von ihnen selbst Metall im Gesicht.

"Das, was ich denke und fühle, strahle ich aus", sagt Inke Greve, sie will ja, dass ihre Schüler sich sicher fühlen, aber so sehen die gerade nicht aus. Verkrampft stehen sie vor feinem Leinen, "verwirrend viele Gläser" hat man ihnen listig vorgesetzt, sonst kennen sie nur Küchentisch und Kantine. Jetzt aber gibt's fünf Gänge, und sie wissen nicht einmal, wie sie sich hinsetzen sollen! Und wie kriegt man dieses, äh, "Amuse-Gueule" klein? "Mut zur Lücke", sagt die Trainerin und amüsiert sich ein bisschen, wie jeder jedem auf den Teller schielt. Aber natürlich ist es dann doch falsch: Das Brot wird gebrochen, nicht geschmiert, die Serviette gehört mit dem Knick zum Knie, und "Guten Appetit" sagt man auch nicht mehr. Im Fahrstuhl immer über das Wetter reden Dafür darf die "Servicekraft" auch nicht mehr fragen, ob's geschmeckt hat - wobei doch beides freundlich wäre, finden die Schüler empört. Findet Knigge aber nicht. Manches ist nach dessen Benimmregeln wieder modern, manches auch veraltet: wie das Fachwissen der Azubis in zehn Jahren, sagt Manfred Sagolla. "Aber die sozialen Kompetenzen begleiten einen das ganze Berufsleben." Heute lernen unsere Azubis Zeitmanagement. Und den "guten Ton am Telefon". Sie werden grüßen mit festem Händedruck, sich vorstellen mit "Ich bin" und im Fahrstuhl über das Wetter reden. Und vielleicht wird Herr Sagolla sogar statt seiner Socken Kniestrümpfe tragen.

P.S. Der Chef wird immer und überall gegrüßt, auch wenn er sich noch so schlecht benimmt. Aber erst nach dem Kunden.>zurück

von WAZ 2010